Atomlobby hofft auf Renaissance: Ein Mangel an Phantasie?
Durch die hohen Ölpreise und die Frage der Versorgungssicherheit aus Krisengebieten gerät ein Thema wieder in die Diskussion, das in Deutschland schon abgehakt schien: die Atomenergie. Trotz breiter Ablehnung in der Bevölkerung mehren sich die Stimmen zugunsten des Überlebens der Kernkraftwerke.
Die Atomenergie hat weltweit keine Zukunft mehr. Davon zeigte sich der deutsche Umweltminister Jürgen Trittin erst vor kurzem wieder überzeugt. Auf der ganzen Welt gebe es nur noch acht Bauvorhaben für neue Kernkraftwerke, alle in Ländern Asiens. In den USA und Großbritannien seien seit 30 Jahren keine neuen Kernkraftwerke geplant worden.
Die Internationale Atomenergie-Organisation dagegen sieht eine Renaissance der Atomenergie kommen. In Frankreich wird über ein neues Atomkraftwerk in der Bretagne diskutiert. Im Schweizer Kanton Bern hat die bürgerliche Mehrheit den Regierungswillen, künftig auf Atomkraft zu verzichten und bis zur Vollversorgung durch erneuerbare Energien den Strom mittels Erdgas zu produzieren, abgeschmettert. Die Option auf ein neues Atomkraftwerk nach dem Abschalten des alten AKW Mühleberg müsse gewahrt werden.
In Baden-Württemberg hat der Ministerpräsidenten-Kandidat Günther Oettinger die Atomenergie zwar als „Übergangsenergie“ bezeichnet, doch den Übergang möchte er gern verlängert sehen. Die AKWs Neckarwestheim und Phillipsburg sollen fünf bis zehn Jahre länger am Netz bleiben als geplant. In Schweden ist der Anteil des Stroms aus Kernenergie seit Aufnahme der Atomausstiegsgespräche gar um mehrere Prozent gestiegen, obwohl der schwedische Staat, der die Ausstiegsgespräche nach deutschem Vorbild führt, Eigentümer des AKW-Betreibers Vattenfall ist.
Wenn es nach den deutschen Bürgerinnen und Bürgern geht, hat die Kernenergie trotz aller Überzeugungsversuche der Atomlobby wirklich keine Zukunft. Bei einer repräsentativen Umfrage des Emnid-Instituts im Auftrag von Greenpeace sprachen sich erst vor wenigen Wochen 63 Prozent der Befragten für den Atomausstieg aus. 85 Prozent waren für eine finanzielle Förderung der erneuerbaren Energien.
Doch trotz des in der Bevölkerung weit verbreiteten Widerwillens gegen Atomkraftwerke gebe es immer noch zu viele „mentale Sperren“ und „geistige Reserven“ gegen die erneuerbaren Energien, beklagte der Waiblinger SPD-Abgeordnete Dr. Hermann Scheer, Träger des alternativen Nobelpreises, Präsident von Eurosolar und Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien, ausgezeichnet mit dem Weltphotovoltaik-, dem Weltbiomasse- und kürzlich erst in Peking mit dem Weltwindenergiepreis, zusammen mit Minister Trittin. Scheer hat zu einer Anzeigenkampagne in überregionalen Tageszeitungen gegen die wieder verstärkt angetretene Atomlobby aufgerufen.
Der Energiepolitiker sieht drei Argumentationslinien bei den Atom-Anhängern. Die Verfechter der Atomenergie verwiesen zur Verteidigung der Kernkraft auf die Umweltschäden und den drohenden Klimawandel durch die Verwendung fossiler Brennstoffe. Sie erklärten, dass die Atomenergie nicht durch erneuerbare Energien ersetzt werden könne und behaupteten, durch neuere technische Entwicklungen sei die Atomenergie risikofrei geworden. Scheer, selbst von 1976 bis 1980 am Kernforschungszentrum Karlsruhe als wissenschaftlicher Mitarbeiter, hält ein Weiterleben der Atomkraft zur Energieversorgung für unverantwortbar und die Vollversorgung aus erneuerbaren Energien für machbar.
Der Geschäftsführer der Internationalen Energie-Agentur, Fatih Birol, warnte erst kürzlich die deutsche Regierung vor zu großer Abhängigkeit von russischem Erdgas, wenn der beschlossene Atomausstieg tatsächlich durchgedrückt werden sollte. Mit erneuerbaren Energien könne eine Industrieland wie Deutschland seinen Energiebedarf niemals selbst erzeugen, so seine düstere Prognose. Die Schreckensszenarien einer lückenhaften Energieversorgung ohne Atomstrom: Polemik statt rationaler Vorhersage? Profitsucht ohne Gedanken an die Risiken?
Mangelnde Phantasie, Denken in eingefahrenen Gleisen und zu wenig Kenntnisse über die Möglichkeiten der erneuerbaren Energien, das sind für David Wortmann, Vorstandskoordinator des Weltrats für erneuerbare Energien und Mitarbeiter des Abgeordneten Scheer im Bundestag, zumindest auch Gründe für das Verharren in einer überholten Energiepolitik. „Wir brauchen eine gesellschaftliche Energiewende, nicht nur eine technische, eine Verhaltenswende in jedem Haushalt ist nötig“, erklärt Wortmann im Gespräch mit dem Bund Solardach. Doch viele Energieverbraucher dächten „nicht weiter als bis zur Steckdose“.
Es gebe bei vielen Menschen, ob Verbraucher oder Energiemanager, Hemmungen sich dem Wandel zu stellen. „Jeder Haushalt kann Energie produzieren“, so Wortmann, zum Beispiel mit Solarzellen für Strom und mit Sonnenkollektoren für Wärme, indirekt auch über Biomasse. Doch bei der Solarthermie, der Sonnenwärme, werde immer wieder das alte Vorurteil hervorgekramt: „Im Winter scheint die Sonne nicht.“
Die Solarthermie stehe zur Zeit eher „im Schatten der Aufmerksamkeit“, viele schauten nur auf die Photovoltaik. Dabei, so Wortmann, „birgt gerade die Solarthermie unheimlich viel Potenzial für eine Energiewende.“
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